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Interview

40-Stunden-Marathon bei 50 Grad


Dagmar Großheim, 45, und Achim Heukemes, 55, haben als erstes deutsches Paar den Badwater-Ultramarathon erfolgreich absolviert. Sie brauchte dazu 42:56:03 Stunden und wurde Elfte bei den Frauen, er erreichte nach 33:02:42 Stunden das Ziel und wurde 14ter bei den Männern. Badwater gilt als härtester Wettbewerb der Ultraszene.
Von FOCUS-Redakteur Axel Wolfsgruber

 

Helfer verschaffen dem Extremsportler ein wenig Abkühlung
Bei rund 50 Grad Celsius im Schatten mussten die 84 Läufer aus 15 Nationen 217 Kilometer nonstop überwinden. Die Strecke verläuft von Badwater, 86 Meter unter dem Meeresspiegel, bis hinauf zum Mount Whitney, 2533 Meter. Insgesamt waren 4300 Höhenmeter zu erklimmen. Schnellster Athlet war Valmir Nunes aus Brasilien. Der 43-Jährige stellte mit 22:51:29 Stunden bei der 30. Auflage einen neuen Rekord auf. FOCUS Online sprach mit dem Paar aus Gräfenberg bei Nürnberg.
FOCUS Online: Was haben Sie gedacht, als Sie nach 217 Kilometern endlich im Ziel waren?

Dagmar Großheim:
Ich war total glücklich, dieses harte Rennen bestanden zu haben. Ich bin auf meine Leistung stolz und habe viele schöne Erinnerungen gespeichert.
Achim Heukemes: Im Ziel war ich ziemlich erschöpft. Als Belohnung gönnte ich mir ein Bier. Badwater mache ich wohl nie wieder. Beim nächsten Mal will man ja eine bessere Zeit erzielen und setzt sich dann zu sehr unter Druck.

FOCUS Online:
Was ist das Besondere an so einem Rennen?

Großheim: Die Dimensionen verschieben sich beim Ultramarathon. Wenn man sagt, man hat es bald geschafft, heißt das, es dauert noch sieben Stunden. Der Tag ist ruckzuck um.
Heukemes: Die Hitze im Death Valley ist unglaublich. Auf diese Temperaturen kann sich niemand vorbereiten.

FOCUS Online: Muss ein Ultra-Marathonläufer ein spezieller Typ sein?

Großheim: Vielleicht schon. Bei mir ist das so: Ich stecke mir Ziele und will diese Ziele dann auf jeden Fall erreichen. Ich möchte auch, dass andere Menschen meine Leistung anerkennen. Und ich mag nicht mit 30 000 Marathonläufern am Start stehen. Mein Motto ist: Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt.
Heukemes: Ein Ultra-Läufer muss extrem leidensfähig und mental stark sein, um solche Distanzen mit den dazugehörigen Schmerzen zu meistern. Auch hatte ich mit der Badwater-Strecke noch eine Rechnung offen. Bei Kilometer 90 musste ich vor fünf Jahren mein Kreuz in die Erde rammen. Jetzt habe ich es geschafft und bin glücklich.

FOCUS Online: Kann man beim Laufen die Landschaft genießen?

Großheim: Ich habe nachts ein paar Mal meine Stirnlampe ausgeschaltet, weil ich den gigantischen Sternenhimmel sehen wollte. Auch tagsüber hatte ich Zeit, um die einmalige Landschaft und die Sanddünen im Death Valley zu bewundern.

FOCUS Online:
Gab es Phasen, in denen es überhaupt nicht lief?

Großheim:
Zwischendurch hatte ich einen Hänger. Meine Crew hat aber nicht nachgelassen, mich ständig zu motivieren, entweder mit Obstsalat oder mit passender Musik wie „Don’t stop me now“ oder „I will survive“ auf dem iPod. An den drei Bergen habe ich gedacht, du bist zwar keine Bergziege, aber du schaffst das. Ich redete mir ein, dass es so schwer nicht ist. Außerdem hatte mein Begleitfahrzeug einen Platten, die Batterie war auch noch leer, und ich war 40 Minuten ohne Auto, wurde aber von einem meiner Betreuer begleitet, der Getränke mitnahm.
Heukemes: Am Anfang des Rennens hatte ich Magenprobleme, vermutlich wegen eines Pflaumenjoghurts, der bei der Hitze für Unruhe im Magen sorgte. Das kostete mich eine Stunde. Am Ende des Rennens, auf dem Weg zum Mount Whitney, hatte ich noch mal ein Tief, ich musste 15 Kilometer gehen. Den Berg konnte ich dann später in einer der schnellsten Zeiten bewältigen.

FOCUS Online:
Warum konnten Sie nicht gemeinsam laufen und sich gegenseitig motivieren?

Heukemes: Das geht nicht, weil jeder unterschiedlich starke und schwache Phasen hat. Da müsste man auf den anderen Rücksicht nehmen und langsamer laufen, obwohl man gerade richtig Gas geben könnte.
Großheim: Ich muss mich ja auch an den Frauen orientieren und er an den Männern. Auch unsere Pausen waren unterschiedlich.

FOCUS Online:
Frauen und Männer verbrauchen bei dem Rennen etwa 10 000 Kalorien. Getrunken wird ungefähr 60 Liter. Was stand auf dem Speiseplan?

Heukemes:
Elektrolyt-Getränke, grüner Tee und viel, viel Wasser mit Salz. Weizengrütze, Honigmelone, Reis mit Fleisch aus der Dose, Blaubeer-Muffins, Kartoffelbrei, Pommesfrites.
Großheim: Zusätzlich Kinderbrei mit Schokostückchen, viel Obst, mal ein Wassereis.

FOCUS Online: Gibt es bei so einem langen Rennen eine Taktik?

Heukemes: Man schaut schon, was die Vorderleute machen, wann die essen, Pause machen und ihren Tiefpunkt haben.

FOCUS Online: Und was denkt man die ganze Zeit?

Heukemes: Ich laufe einfach und achte darauf, was mir mein Körper signalisiert. Ich trage auch keine Uhr. Ich richte mich nur nach mir selber.
Großheim: Ich bin ein Denker, denke pausenlos an irgendetwas – auch an das Rennen selber. Ich muss immer wissen, wie weit ich noch muss, wie weit ich schon bin und so weiter. Das muss mir die Crew dann sagen. Und ich hasse es, wenn die glauben, mir damit zu helfen, indem sie mir nicht die Wahrheit sagen.

FOCUS Online: Was kommt nach dem Badwater-Ultramarathon?

Heukemes: Vielleicht machen wir bald mal was in Japan oder noch mal einen Kontinent, am liebsten die USA.
Großheim: Einen Kontinent zu durchlaufen, wäre natürlich für mich auch mal toll. Achim hat das ja schon gemacht. Oder 100 Meilen irgendwo durch die Kälte – gerade weil ich so leicht friere.