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Den heißesten aller Läufe bei klarem Verstand beenden

Zwei Saarländer wollen in der kalifornischen Salzwüste am Badwater Ultrarace teilnehmen – Ziel: 217 Kilometer unter 60 Stunden

Vom 11. bis 13. Juli wollen Dr. Klaus Micka, 58, aus Saarbrücken, und Bernhard Sesterheim, 59, aus Bexbach an einem der härtesten Ultra-Langläufe der Welt teilnehmen.

von sz-redakteur

peter wagner

Saarbrücken/Bexbach. Dr. Klaus Micka wird vielleicht irgendwann den Tunnelblick kriegen und nicht mehr viel mitbekommen vom Tal des Todes, dieser kalifornischen Salzwüstenlandschaft, die ihn so fasziniert. Bernd Sesterheim sieht womöglich wieder Kaulquappen, die so groß wie Hunde sind und nach ihm schnappen. Und beide Läufer werden mit diesen Beeinträchtigungen, wenn es denn dabei bliebe, noch ziemlich gut weggekommen sein.

Blutende Füße und verbrannte Haut gelten allenfalls als Kratzer, nicht als Verletzung. Etwa ein Viertel bis ein Drittel aller Teilnehmer des alljährlichen Badwater Ultrarace durch den heißesten und trockensten Winkel der USA, einer der härtesten Laufwettbewerbe der Welt, schafft es nicht ins Ziel, trotz einer Vorgabe von 60 Stunden für 217 Kilometer. Die Besten benötigen 27 bis 29 Stunden. Der Deutsche Robert Wimmer, als Neuling Mitfavorit im vorigen Jahr, wurde mit fast zehn Stunden Rückstand auf den Sieger Neunter und war glücklich. Er trug Spezialschuhe, die leider doch nicht besser als normale Laufschuhe waren. Und er hatte versucht, die klimatischen Bedingungen im Training zu simulieren, indem er in der Sauna auf dem Fahrrad-Ergometer gestrampelt hatte. Merke: Wer Badwater unbedingt gewinnen will, der gewinnt nicht.

Salzwüste ist nicht kopierbar. Die Luftfeuchtigkeit ist minimal, die Luft 50 Grad heiß, über dem Asphalt – und nur auf diesem Belag wird gelaufen – zeigt das Thermometer bis zu 90 Grad. Nachts kühlt es nicht unter 30 Grad ab. Die Strecke führt vom tiefsten Punkt der USA zum höchsten, von minus 80 Meter in Badwater auf 2800 Meter, den Gipfel des Mount Whitney. Der härteste Gegner ist der heiße, böige Wind, der den Athleten wie ein riesiger Fön unaufhörlich entgegenbläst und zusätzliche Wirkung wie Boxerfäuste entwickelt. Für Untrainierte ist bloßes Rumstehen ohne Schirm und Wasserflasche rasch lebensgefährlich. Klaus Micka (Foto: Jenal), 58-jähriger Internist/Lungenheilkundler aus Saarbrücken, und Bernhard Sesterheim (Foto: SZ), 59-jähriger Kaufmann aus Bexbach, wollen den Lauf vom 11. bis 13. Juli unter 60 Stunden, bei klarem Verstand und intakter Gesundheit beenden. Sie sind annähernd sicher, dass es gelingt. Beide waren schon dort und können die Risiken kalkulieren, Sesterheim vergangenes Jahr als Betreuer eines Bekannten. Beide sind Wüsten-erfahrene Extremläufer, sonst hätten sie sich nicht für das auf 90 Personen limitierte Starterfeld qualifiziert.

Hinter den 47 Amerikanern stellen die Deutschen mit 13 Leuten das zweitgrößte Kontingent, 16 Frauen sind im Feld, das Durchschnittsalter beträgt gut 46 Jahre. Außer den beiden, die sich kürzlich bei einem Trainingslauf um den Nonnweiler See erstmals trafen, werden auch der für LTF Marpingen startende Karlheinz Kobus, 38, aus Sinsheim sowie Ultra-Wanderer Thomas Betz, 48, aus Petite-Rosselle dabei sein.

Warum machen Micka und Sesterheim das? Ganz einfach: Weil sie es können. Weil ihnen Laufen so viel Spaß macht wie sonst nichts. Weil das Gefühl, diesen Wettbewerb bestanden zu haben, die Strapazen rechtfertigt. Weil sie ein bisschen verrückt und sich im Kreise Gleichgesinnter aus aller Welt bewegen dürfen, spielt wohl auch eine Rolle. Beide sind so abgeklärt, dass sie sich nichts beweisen müssen. Sesterheim, in der Szene als weißbärtiger Lauf-Philosoph bekannt, hat in den vergangenen fünf Jahren 106 Läufe von mindestens Marathon-Länge absolviert, er ist im Stande, mehrere pro Woche zurückzulegen. Micka ist seit Studienzeiten Ausdauersportler, war Ruderer und Triathlet. Laufen bietet ihm das intensivste Erlebnis bei geringstem Zeit- und Technik-Aufwand. Es ist sein wichtigstes Ventil, um Dampf abzulassen. Und er hat, was ein Segen ist, Rückhalt von daheim. Ehefrau Aloisia wird ihn betreuen.

Micka und Sesterheim werden zu Beginn des Rennens drei bis dreieinhalb Kilometer pro Stunde zurücklegen, um Kraft für den Berg am dicken Ende zu sparen. Sie werden Schlafpausen einlegen und üppige Mahlzeiten einnehmen. Am zweiten Tag werden sie mit Genugtuung an den Heißspornen vorbeiziehen, die mit dem dreifachen Tempo losgerannt waren. „Wer nur einmal hechelt, der verbrennt sich die Bronchien und ist raus“, weiß Sesterheim. Sie werden eine Woche vorher anreisen, Wasser einkaufen und ein zuverlässiges Auto für die Betreuer mieten. Wer kein Betreuer-Fahrzeug hat, ist disqualifiziert. Sie werden sich gegen die Sonne mit nasskalten Tüchern schützen und alle paar hundert Meter trinken – Micka warmes Wasser, Sesterheim eiskaltes.

Und wenn Tunnelblick und Kaulquappen kommen, schlägt die Stunde der Helfer und Motivatoren. Die Helfer bei der Krisenbewältigung sollten selber Sportler sein. Wer den Wüstenläufer nicht als seinesgleichen anspricht, sondern als Patienten, der hilft ihm nicht, sondern schadet. Bisher haben aber alle Badwater überlebt. Und über 50 Prozent der Starter sind Wiederholungstäter, „Veterans“. Wer einmal dabei war, will zurück.