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Badwater Ultra 2005 – mein Weg dorthin
Erlebnisbericht von Sigrid Eichner

Im Oktober 2004 beendeten Bernhard Sesterheim und ich den La Grand Raid auf der Insel Reunion und fragten uns im Überschwang der Glücksgefühle – was könnte jetzt noch kommen? Da Bernhard 2004 als Betreuer beim Badwater Ultra war, stand die Idee fest: Nur dieser Lauf könnte den eben absolvierten noch Toppen. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf.
Der Badwater Ultra ist ein Einladungslauf d.h. man muss sich bewerben und bestimmte, vorgegebene Leistungen in den letzten drei Jahren erbracht haben und belegen können. Bewerbungszeitraum ist der Januar und die ersehnte Bestätigung oder auch nicht gibt es Ende Februar. Mit der Hoffnung auf Erfolg planten wir drei – Karl-Heinz Kobus wollte Mittäter sein, schon beim „Honigkuchenmann“ Marathon im Januar den Ablauf unserer Reise und verteilten die organisatorischen Aufgaben. Karl-Heinz übernahm die Flüge, Bernhard die Hotelbestellung für Las Vegas und die Bestellung der Mietwagen, Günter Böhnke – diesmal nicht Starter, sondern als Betreuer von Bernhard – legte die Reiseroute fest und bestellte die Zimmer in Stovepipe Wells – im Death Valley bis zum Start- und Lone Pine nach Zielankunft. Für mich blieb die Betreuersuche, denn im Gegensatz zu meinen Mitstreitern hatte ich noch niemanden. Auf meine Anzeige bei Steppenhahn meldete sich Heribert Hofmann, der im nächsten Jahr ebenfalls beim Badwater starten will. Mit Heribert hatte ich das große Los gezogen sozusagen ein 7 * Betreuer, der mich letzten Endes organisierte und sich in jeder Phase des Rennens in mich hineindenken konnte. Ohne ihn wäre ich nicht angekommen. Und dann meldete sich Bodo Rathsburg bei mir als zweiter Betreuer. Im Unterschied zu Heribert kannte ich Bodo vom Wettkampfgeschehen her. Was ich nicht wusste- Bodo konnte nicht Autofahren und seine Betreuertätigkeit beim Badwater 2004 war nicht zufrieden stellend gewesen. Da ich das nicht vorher in Erfahrung gebracht hatte, machten wir jetzt unsere eigenen. In unserem kleinen Kollektiv schlichteten Günter und Heribert so manchen Streit mit Bodo, aber eigentlich war es zwecklos. Bodo war oder ist dieser Herausforderung nicht mehr gewachsen. Nur schnell gehen können - reicht nicht. Und damit will ich über die Erfahrungen mit Bodo kein Wort mehr verlieren. Sie waren bitter genug für mich und Heribert, der praktisch meine Betreuung allein bewältigte. Übrigens war ich inhaltlich auf diese Herausforderung überhaupt nicht vorbereitet. Dadurch, dass Heribert Uli Weber gut kennt - einen mehrfachen Badwaterfinisher - hat er viele wichtige Details in Erfahrung gebracht, von denen wir profitieren konnten.
Abflug war am 06.07. Frankfurt - Las Vegas. Am Flughafen holte uns Karl-Heinz Kobus ab. Er war einen Tag eher angereist, da er arbeitsbedingt auch eher wieder abfliegen musste. Die aus Deutschland bestellten Mietautos wurden abgeholt, doch halt : erste Panne - Bernhard hatte seinen Führerschein nicht mit. Dadurch verlor der Vertrag seine Gültigkeit und musste erneuert werden. Endlich geschafft. Gepäck einladen und Hotel suchen. Jawohl suchen, es dauerte ewig und wir fragten oft und wurden oft falsch geschickt, bis wir das „Golden Gate“ erreicht hatten. Jedes Hotel ist auch Casino. Wehe dem, der der Spielleidenschaft verfallen ist. Hier gibt es kein Halten mehr. Besondere Kunden, die bereit sind all abendlich 250.000 Dollar zu verspielen, werden mit einem Privatjet eingeflogen und bekommen im neuesten und teuersten Hotel ihre Unterkunft. Aber wozu eigentlich? Die Nacht über wird gespielt und dann ist da ja wieder der Privatjet.
Hotel gefunden, doch Bodo wollte - wie gewohnt aus früheren Jahren - im Freien schlafen . Hotel sei Luxus. Am nächsten Tag wurden die Dinge eingekauft, von denen wir meinten, sie für das Rennen zu benötigen ( viel Unnötiges, wie sich später herausstellte, aber das wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ). Am Abend waren wir dann schon in Stovepipe Wells - Günter hatte das so geplant zu unserer Akklimatisation - und er hatte Recht damit. Für Las Vegas blieb nach dem Lauf noch genug Zeit. Drei Tage Hotel im Death Valley - das sollte wohl reichen. Es war heiß, sehr heiß, kein Sommertag bei uns ist annähernd so heiß. Aber die Kleiderfrage ist schnell geklärt: am Besten Nichts, gar nichts anziehen und den Tag im Pool verbringen. Aber eigenartiger Weise wurde uns allen nach einer gewissen Zeit im Pool - kalt. Das war nicht zu verstehen. Doch Günter erklärte mir, dass wir Menschen - Wiege war ja bekanntlich in Afrika - noch über unsere uralten Gene zur Hitzeanpassung verfügen würden; sie müssten nur freigelegt werden und das würde so 10 bis 15 Tage dauern. Also, das nächste Mal 10 Tage eher anreisen. Wir machten Ausflüge und wanderten, ich probierte laufend die Strasse aus und fand es morgens gegen 6 Uhr sogar angenehm. Was ich mir nicht vorstellen konnte war das Laufen auf bis zu 90° heißem Asphalt. Wie sollte eine Strasse überhaupt bei diesen Temperaturen dem Verkehr standhalten? Mit deutschen Maßstäben darf man dort nicht messen. Die Strassen halten, sogar ohne Abdrücke der Reifen und die Schuhe brennen nicht durch. In Amerika ist eben alles ein bisschen anders. Die Strassen führen endlos geradeaus, man sieht das Ziel schon lange, erreicht es aber nicht. Die welligen Strassen führen steil nach oben, nur die Kuppe ist noch sichtbar, um bei Erreichen derselben steil nach unten zu führen. Vorsicht… Sprungschanze! Am Sonntag war großes Briefing, bekannte Gesichter tauchten auf. Familie Finkernagel als Wiederholungstäter, Guido Kunze - Veranstalter vom Marathon der Deutschen Einheit aus Mühlhausen, Edgar Kluge als Betreuer und andere. Am Abend wurde das Auto gepackt; viel Platz war nicht. Mussten doch unser Gepäck und all das viele Wasser und die drei Kühlboxen… mitgenommen werden. Die Kühlboxen wurden mit Eisstücken gefüllt, die es an jeder Tankstelle gab. Mit der Zeit schwammen die zu kühlenden Lebensmittel im Wasser; dann war dringend Erneuerung angesagt. Während des gesamten Rennens waren Fahrzeuge unterwegs, die uns mit Eis versorgten. Für mich war wichtig: es musste unterwegs auch alles wieder schnell auffindbar sein! Das Finden war überhaupt so ein Problem. Manches verschwand einfach, so wie die Socken in der Waschmaschine. Bodo legte dafür fünf Mülltüten an..

Und dann endlich war es soweit. Am Montag, dem 11.07. 6 Uhr ging es los. Vorher war großes Fotografieren angesagt. Jürgen Ankenbrandt, schon beim Briefing aufgetaucht, wuselte aufgeregt umher und schoss ein Bild nach dem anderen. Jürgen wohnt in LA und sein Arbeitszimmer ist der Strand. Ich kenne Jürgen vom Transeuropalauf her. Er betätigte sich dort unter anderem als Fotograf, spricht auch als ehemaliger Nürnberger noch ein einigermaßen verständliches Deutsch und ist für jeden Spaß zu haben. Nur mein Auto wollte er auch nur für eine kurze Zeit nicht fahren. Er wollte dem Sieger ständig auf den Fersen sein.
Der Startschuss fiel und die erste Gruppe - 30 Läufer - fingen an, sich in Bewegung zu setzten. Es folgten noch zwei weitere Starts um 8:00 und um 10:00 Uhr. Die Schnellsten zum Schluss, da war ich schon 4 Stunden unterwegs. Ich lief in einem Netzhemd ohne Ärmel und in ganz kurzen Hosen. Die freien Hautstellen hatte ich schon am Vorabend mit Sonnenschutzcreme ANTHELIOS XL 60+ von La Roche-Posay eingerieben. Am Anfang war es ein angenehmes Laufen, warm, nicht windig und noch schattig, leicht bekleidet - die Sonne war noch nicht über dem Berg. Von minus 85 Meter arbeiteten wir uns auf einer super Asphaltstrasse im Ständigen Auf und Ab bis Stovepipe Wells vor, waren dort gerade auf Normal Null und hatten knapp 44 Meilen zurückgelegt Aber soweit war ich noch lange nicht. Trinken, trinken und nochmals trinken. Wasser mit und ohne Salz, Wasser mit und ohne Gas. Ich trank willig und mit kleinen Schlucken.. Eigentlich immerzu, aber dennoch nicht genug, wie sich im Verlaufe des Rennens zeigte. Als der Schatten verschwand bekam ich im Wechsel ständig ein feuchtes, eisgekühltes Handtuch über die Schultern gelegt, später auch Eis im Waschlappen auf den Kopf, die nasse Mütze darüber und noch später - leider zu spät - auch noch ein nasses Handtuch über den Kopf, das mein Gesicht vor dem heißen Wind schützte. Noch vor der ersten Zeitnahme musste ich die Strümpfe wechseln. Die extra Badwater Zehensocken, obwohl vorher ausprobiert, scheuerten am Ballen. Nur keine Blasen.. waren meine Gedanken. Problem gelöst und weiter. Die Läufer hatten sich verteilt. Auf der einen Seite die Betreuerautos und auf der anderen, aufgefädelt wie zu einer Perlenkette, wir. Vor mir, aber noch erkennbar, Bernhard im flotten Schritt, zu schnell, dachte ich. Alle Autos waren mit dem Namen und der Startnummer des Läufers gekennzeichnet, so sah man immer, wer in unmittelbarer Nähe lief bzw. fuhr. Oftmals sah ich die Autos an mir vorbei fahren, aber den dazugehörigen Läufer bekam ich nie zu Gesicht. Während des Rennens lief eine medizinische Studie, zu der ich mich auch gemeldet hatte. Es musste alles gemessen und registriert werden, die Einfuhr und die Ausfuhr aus dem Körper. Bis zu meinem Black Out klappte das auch, aber dann stellten wir die Mitarbeit ein, es war für Heri nicht zu schaffen, hatte er doch nicht nur das Auto fortzubewegen und mich zu versorgen, sondern musste sich auch noch um Bodo kümmern. Kurz vor der ersten Zeitnahme sah ich Bernhard am Wegesrand kauern und lief vorbei. Auf Reunion war es wohl genauso gewesen, so sagte er, nur dort habe ich Ihn nicht hocken sehen.
Nach 17 Meilen war Furnace Creek erreicht, die erste Zeitnahme Station - hier war das Briefing gewesen -. 4:20 Stunden hatte ich bis hierher gebraucht und Schuhwechsel war angesagt, drückte doch der rechte Schuh am Ballen. Das tat dieser Schuh immer nach einer gewissen Zeit, deshalb war da auch eine schützende Hornhautschicht gewachsen. Vom Adidas 6 in meinen Nike Pegasus 8,5. Leider etwas zu spät; ich hatte schon eine Blase am Ballen unter der Hornhaut; das war neu und recht ärgerlich. Ich hätte die Schuhe eher wechseln sollen. Nach dem Sockenwechsel wollte ich aber nicht schon wieder pausieren, nur um die Schuhe zu wechseln. Immer wieder die gleichen Fehler! Als ob es auf diese Minuten angekommen wäre. Ja, ich bin wirklich auch nach so vielen Läufen noch so dumm! Diese Druckstelle sollte mich noch lange schmerzen. Erst in Panamint Springs bekam ich von einer hilfsbereiten Betreuerin, die Ihren blinden Läufer verarztete, ein wunderbares Tape.
Wie konnte ich nur so einfältig sein. Im Mai 1998 lief ich mit Hans- Joachim Meyer und Christian Hottas von Birmigham nach London. Am Abend probierte ich noch meine Schuhe aus und lies im linken Schuh unter meiner medizinischen Einlegesohle die Originalsohle liegen. Schon ab erstem Laufschritt scheuerte der Schuh am Hacken. Ein abgetragener und wiederholt beabsatzter Schuh, der noch niemals Beschwerden gemacht hatte! Aber anstatt anzuhalten und nachzusehen lief ich von früh 6 Uhr bis zum nächsten morgen 5 Uhr mit diesem Schmerz - immer mit der Absicht: Am Anfang dran bleiben, sich nicht verlaufen, später: Ja keine Zeit verlieren. Der ganze Hacken war dann eine Riesenblase und nach Entdecken des Übels war der Schmerz weg, der Hacken wurde verklebt. Es wäre so einfach gewesen.. Und hier: Der gleiche Fehler, immer noch nicht aus Schaden klug geworden! Jetzt war es zu spät, die Blase war da, schlimmeres galt es zu verhindern. Der andere Schuh war jetzt breiter und größer; neue Schwierigkeiten kamen dazu, die den Schmerz verdrängten. Noch kam ich gleichmäßig vorwärts, Heri lobte mich und nach 7 Stunden war der erste Marathon erreicht. Es wurde Nachmittag und immer heißer.. 50° Celsius und mehr.. Ein heißer Wind wehte von vorne. Eigentlich ging es mir sehr gut. Die Wärme tat meinem geschädigten Bein gut, es tat nicht so weh wie sonst, vor mir waren Läufer zu sehen und hinter mir liefen auch noch Etliche. Das Eis brauchte ich jetzt auf dem Hinterkopf und irgendwann hatte ich Gedanken ans Hinsetzten. Ich bin ja schon viel gelaufen und immer, wenn so ein Gedanke kommt, ist es das erste Anzeichen von Schwäche. Ich setze mich normalerweise niemals hin! Essen.. alles mit Weiterbewegung. Jedes Stehen bleiben, im späteren Rennen jede außergewöhnliche Bewegung, bringt mich aus dem Rhythmus, selbst wenn ich mich nur noch langsam bewege. Aber jetzt!, ich wollte unseren geborgten Stuhl ausprobieren, ich wollte mich setzen. Gesagt, getan. Ja, das war gut. Und jetzt noch das nasse Betttuch über mich, über Kopf und Füße und ganz eng ans Gesicht. Das tat wirklich gut. Jede Stunde 5 Minuten Pause wollte ich mir ab jetzt gönnen. Ich sah Bernhard vorbei laufen und dachte: Eigentlich könnten wir ja zusammen weiterlaufen, los , Aufstehen und Mithalten! Aber das nasse Tuch tat so gut1 Und das Kompott schmeckte vorzüglich. Die Birnen fand ich am Besten. Mit dem Essen war es sowieso schwierig. Im Verlaufe des Rennens lebte ich nur von Biosorb Energie- einer hochkalorischen Trinknahrung - Sondenernährung- den Tipp hatte ich von Günter. Ich hatte genug mit und konnte damit auch Bernhard versorgen. Power Bar, Gel, Riegel, Schokolade, Kekse - nichts davon konnte ich essen. Es blieb Flüssignahrung und Kompott. Auch Trinken wurde immer schwieriger. Keine Cola, kein Red Bull, kein Wasser, alles eklig. Nur Selters und Orangensaft mundeten mir noch. Leider gingen unsere Seltersvorräte bald zur Neige und Ersatz gab es nicht. In Amerika trinkt man Cola. Soweit, so gut.. Es ging weiter. Mit der Zeit wurden meine Schritte kürzer, ich merkte meinen Herzschlag und ich fing an schneller und tiefer zu atmen. Das war unangenehm. Eine nächste Pause war fällig. Wahrscheinlich sah ich auch nicht mehr so gut aus. Jedenfalls war plötzlich der medizinische Dienst neben uns und schlug vor, doch den Stock einzustecken und zum Med. Punkt zu fahren. Aber davon wollte ich nichts wissen. Zurückfahren müssen und dann allen hinterherlaufen, das wollte ich nicht. Eine unerwartete Begleitung hatte ich plötzlich. Angie - Betreuerin von Thomas - hatte Zeit und begleitete mich ein Stück. Das war sehr angenehm. Konnten wir doch miteinander reden, das lenkte ab. Bodo war im vergangenen Jahr mit im Betreuerteam von Thomas gewesen, Sie hatten sich so zerstritten, dass sie sich in diesem Jahr nicht einmal mehr ansahen. Wir kamen vorwärts. Da waren schon die Sanddünen zu sehen und dahinter ist Stovepipe. Aber, aber immer noch 4 Meilen. Das kann dauern! Meine Vorwärtsbewegung glich inzwischen mehr einer Seitwärtsbewegung, der Herzschlag wurde immer deutlicher und die Atmung immer schneller. Jetzt hatte ich wirklich Bedenken. Nach dem Transeuropalauf 2003 stellten sich bei mir Herzrhythmusstörungen - hervorgerufen durch Magnesium und Kaliummangel im Herzmuskel - ein. Sind ein deutlich spürbarer Herzschlag und unangenehme schnelle und tiefe Atmung ein Zeichen für Dehydrierung? Nun war ich bereit den Stock mit meiner Nummer 23 an den Wegrand zu stecken. Heri band sein Tuch daran, um ihn wieder zu erkennen, denn, zurückkommen wollte ich auf jeden Fall. Ich stieg ins Auto und mit dem Sitzen kamen die Krämpfe. Füße, Waden, Oberschenkel, Hände.. alles verkrampfte sich. Ich sah Bernhard laufen; so weit war er gar nicht vor mir gewesen. Im Med. Punkt wusste man schon Bescheid und ich musste 3 Flaschen Elektrolyte trinken, am Ende lief mir das Getränk aus der Nase wieder raus. Nach 2 Stunden war das Schlimmste überstanden, Blutdruck normal, Blutwerte in Ordnung, es konnte weiter gehen. Ich bekam noch ein spezielles Salz mit, welches mir Heri in Abständen ins Getränk mischte. Die Krämpfe stellten sich bis zum Rennende nicht wieder ein. Heri war erstaunt, dass ich so schnell wieder fitt war. Hatte doch auch er am Weiterlaufen seine Zweifel gehabt. Ab sofort entschied er für mich - nur meine Schlafpausen bestimmte ich noch selber - und trug mit seinen Anordnungen zu noch mehr Fitness und Wohlbehagen bei. Ich musste oder durfte Duschen, das Wasser war warm, auch aus dem kalten Hahn, den Pool mied ich von selber- zu groß war die Angst vor wiederkehrenden Krämpfen. Karl - Heinz stand in Pool Nähe. Ich war erstaunt, ihn noch immer hier zu sehen, war er doch weit vor mir gelaufen. Er klagte über Blasen an den Füssen und wartete auf seine Betreuer, die im Restaurant aßen. Er selber konnte zu diesem Zeitpunkt schon nichts mehr zu sich nehmen. Im Restaurant aßen wir anschließend Spaghetti, und wie die mir schmeckten; der gekühlte Raum erfrischte und dann fuhren wir zurück und fanden auch meinen Stock. Zu diesem Zeitpunkt begab sich Bernhard auf den Weg zum Townes Pass. Würde ich je wieder an Ihn herankommen? Es waren noch Läufer auf der Strecke, ich war nicht alleine und kam 21:30 wieder in Stovepipe an der Zeitkontrolle an. Vier Stunden hatte alles miteinander gedauert.
Es war dunkel geworden. Ich zog mein Laufhemd aus und die Leuchtweste über. Es war jetzt windstill und noch immer sehr warm. Das nasse Handtuch über den Schultern wurde überflüssig, Eis auf dem Kopf auch, dafür brauchte ich die ganze Nacht über Wasser zum Kühlen für meinen Kopf. Bodo begleitete mich jetzt bergan zum Townes Pass 5000 Feet hoch. Diese Begleitung war mir eher unangenehm, aber im Auto hätte er nur gestört. Bodo rannte vorneweg, auf meine Frage warum er das tat kam die Antwort. „Ich will, dass Du schneller läufst!“ „Bodo, das ist doch Unsinn, ich bin schon länger als einen Tag unterwegs und habe nicht nur diesen Pass noch vor mir!“ Aber es half nichts; am Morgen stieg er ins Auto und schlief bis Panamint Springs. Am Abzweig zur Wildrose - Wanderziel an Vortagen - war der 2. Marathon geschafft und die Schlafstelle von Familie Finkernagel erreicht. Hier gibt es eine Toilettenanlage und einen Rastplatz - ähnlich denen auf deutschen Autobahnen.
Uli ( Ulrike ) schläft hier aus Angst vor Ungeziefer auf dem Tisch. Diese Raststätte signalisierte mir: müde, müde, müde. Ich wollte schlafen, wenn auch nur für kurze Zeit. 10 bis 15 Minuten Tiefschlaf sollten reichen, so kenne ich es von zahlreichen 48 Stunden Läufen her. Also - Koffer raus aus dem Auto, damit sich der Beifahrersitz nach hinten klappen ließ einsteigen und schlafen. Dieser Vorgang wiederholte sich noch etliche Male, denn das Rennen war noch lange nicht zu Ende. Andere Autos hatten hier ebenfalls einen Schlafstop, sie standen jedenfalls noch da, als ich schon wieder auf den Beinen war. Die Nacht war wunderbar. Der Himmel dunkel mit funkelnden Sternen, nicht gestört durch erleuchtete Städte. Ein Sternbild konnte ich deutlich ausmachen. Den großen Wagen; er stand genau über mir, veränderte aber zum Morgen seine Position. Nein, das ist falsch. Die Erde bewegte sich und verdeckte an der hinteren Achse den unteren Stern. Wie war das doch: „Und sie bewegt sich doch !“- Galileo Galilei. Überhaupt kamen in dieser Nacht Erinnerungen an den Spartathlon 1994 auf. Die absolute Ruhe, die Märchenfiguren am Rande der Strasse, die durch das Licht der Autoscheinwerfer auf die spärliche Vegetation in meiner Fantasie entstanden, der mit Sternen übersäte Himmel. Nur die Zikaden - wenn denn die Grillen hier so heißen - zirpten nicht so laut. Kleines Getier huschte immer wieder über die Strasse. Unser Licht störte. Um 5:20 am Morgen hatte ich die 4950 Feet erreicht, den höchsten Punkt des Passes und jetzt ging es wieder abwärts bis auf 1640 Feet. Mittlerweile hatten sich 1 Läufer und sein Begleiter zu uns gesellt. Ihr Auto hatte Panne. Bereitwillig wurden sie von Heri mitversorgt Am ausgeweiteten Straßenrand konnte ich die Autos von Dr. Klaus Mike, Christine Sell und andere erkennen. Unser Blick führte talwärts. Und da, ganz hinten, lag Panamint Springs. Nur noch bergab! Es ist ja nicht mehr weit! Das „ Nicht mehr weit“ dauerte noch bis 9:30 und war dann auch schon wieder 1900 Feet hoch. Ich konnte zumindest bergab ganz ordentlich laufen, d.h., auch ich überholte Mitstreiter, was für ein Gefühl! nicht Letzter zu sein, sondern immer noch mittendrin, trotz Zwangspause! War meine Art der Vorbereitung doch richtig gewesen, obwohl im Bekanntenkreis mir immer wieder gesagt wurde: Schone Dich! Aber ..wie wird Schonen definiert: viel schlafen, mehr trainieren und weniger Wettkämpfe bestreiten, oder gerade andersherum, oder gar nicht mehr Laufen? Jeder hat da so seine eigenen Erfahrungen und meine sehen immer ganz besonders aus. Gunnar von der Geest - Presse - wollte im Januar von mir wissen, wann denn nun der 1000. Marathon erreicht sein würde. Ich konnte Ihm den 24.04. nennen - Hamburg Marathon. Bis dahin brauchte ich nur noch 11 Läufe zu absolvieren. Ich musste mich zurückhalten um nicht mehr zu schaffen, es gibt so viele schöne Veranstaltungen und eigentlich möchte ich keine auslassen. Da kam die Marathonreise mit Ali Schneider nach Tahiti zum Morea - Marathon über Argentinien, Chile und die Osterinsel gerade recht. Kein Gedanke an Badwater. Als ich zurückkam war die Bestätigung da. Was für ein Gefühl! Meine Bewerbungsergebnisse waren sogar zu gut für die erste Startgruppe um 6 Uhr. Das passte mir nun wieder nicht, wollte ich doch die morgendliche Frische genießen und schon wegen des „Hilfefaktors“ mit Bernhard möglichst in seiner Nähe laufen. Aber Günter wusste Rat und so bekam ich einen 6 Uhr Startplatz. Im März waren es nur 3 Wettkämpfe u. a. Nürnberg - 6 Stunden. Schneematsch und Kälte schädigten meine großen Zehen. Im April gab es den Kyffhäuser Berglauf und den 1. Marathon in Bad Staffelstein. Dort sah ich das erste Mal, wenn auch nur kurz vor dem Start Heribert Hofmann. Leider fand sich nach dem Lauf keine Gelegenheit zum Kennenlernen. Aber, ich wusste, wie er aussieht.Beides waren Geländeläufe, die ich besonders mag und im Gegensatz zu nur gerader Strasse relativ gut laufen kann. Dann war da noch das Trippel - Wochenende im Spreewald mit Radrennbahnmarathon in Cottbus, Biosphärenmarathon in Lübbenau und 3. Spreewaldmarathon in Burg. Ja, dann war Hamburg an der Reihe, danach die Harzquerung und Marathon um den Sulinger Stadtsee. Der Parkhausmarathon in Dresden und einen Tag später der Oberelbe Marathon von Königstein nach Dresden waren weitere Meilensteine auf dem Weg zum Badwater. Es folgte ein Marathon auf der Bahn im Stadion in Cottbus. Ich war Teilnehmer am Isarlauf und danach hatte sich Felix mit mir zum Pastore ( 100 KM ) in Florenz verabredet Mit Fahrrad, Bahn und Bus kamen wir nach Florenz. Beim Start - 15 Uhr - waren es 34° im Schatten. Asphaltstrasse, 5o km bergauf und dann wieder bergab, ein besseres Training für den Badwater könnte es eigentlich nicht geben. Die Tourtour war aber noch nicht zu Ende. Das Beste kam noch: Per Rad auf dem gleichen Wege nach Venedig! Schon bei unserer Probefahrt in Berlin war ich sehr langsam unterwegs. Felix wusste das vorher und war doch unangenehm überrascht, wie langsam ich war. Bei jeder Steigung schob ich das Rad. Das Rad war schwer und die Campingausrüstung kam noch dazu. In Venedig durfte ich dann die Tour beenden; Felix fuhr über die Alpen zurück, bis Garmisch Pattenkirchen. Ich nahm die Bahn bis Brenner und stürzte mich dann die Brennerabfahrt hinunter, die Strecke, die wir im vorigen Jahr als Tiroler Speedmarathon gelaufen waren. In Berlin begutachtete ein Fachmann das Rad und war entsetzt darüber, wie ich mich mit diesem Modell überhaupt in die Berge wagen könnte. Aber, nachdem ich durch Diebstahl in 4 Jahren 4 Fahrräder losgeworden bin, erwarb ich dies Rad beim Discounter und da ist es jetzt auch wieder. Mit „Reisezeit“ flog ich anschließend nach Äthiopien und lief den Abebe Bikila Marathon in Adis Abeba in 2400 Meter Höhe bei 28° . Es war alles ein bisschen knapp; ich hatte kaum Zeit das Gepäck umzupacken und schon ging es weiter. Im Frühjahr hatte ich Felix und Rainer zugesagt gemeinsam zum Graubünden - und Zermatt Marathon zu fahren und jetzt wollte ich nicht mehr, da Badwater ja auch eine Vorbereitung nötig hatte. Aber mitgegangen, mitgegangen! Ich hatte die Anmeldungen getätigt, also wurde gefahren. Es waren 14 wunderschöne Tage, fast immer sehr warm mit vielen Höhenmetern im Wettkampf und als Wanderung. Kann man sich entspannter auf ein großartiges Ereignis vorbereiten? Graubünden endete mit einem heftigen Berggewitter und in Zermatt bekam ich als Altersklassensiegerin einen runden 5 kg Bergkäse. Das bestellte T-Shirt war dann nicht in „S“ sondern nur in „XL“ erhältlich, auch als Nachtbekleidung zu riesig.
Es kann nicht falsch gewesen sein, sich mit außergewöhnlichen Läufen auf den Jahreshöhepunkt vorzubereiten, denn Jahreshöhepunkt sollte dieser Badwater Ultra schon sein. Ob er es bleibt? Am 17.08.starte ich beim „La Transe Gaule“ vom Atlantik bis zum Mittelmeer und im September ruft der Deutschlandlauf. Mal sehen, wie ich dann die Dinge sehe.
Panamint Springs - die dritte Zeitmessstation war schon eine Ewigkeit zu sehen, aber näher kam sie nicht. Eine Eigenheit dieses Laufes und das sollte so bleiben. Ständig war das nächste Ziel auszumachen, aber erreichen konnte man es noch lange nicht. Als ich 9:30 am 12.07. dort eintraf, hatte Bernhard gerade sein Frühstück serviert bekommen. So weit war er also nicht vor mir. Auch er hatte geschlafen. Endlich konnte ich wieder eine Selters trinken. Von den bestellten Kartoffeln mit Ei aß ich nur Letzteres und begab mich anschließend , Heris Instruktion folgend, in den Ruheraum. Eine Stunde Pause war angesagt mit Duschen, Kleiderwechsel und Hinlegen. Ich genoss das Langmachen, ach fiel das Aufstehen schwer. 10:30, die Sonne brannte von oben und es ging weiter. Ich hatte meine Schlafhose angezogen, da diese Hose die Oberschenkel locker umschloss und das Brennnen der Sonnstrahlen besonders am Nachmittag auf besagte Körperstellen verhinderte. Weiß - gelb, längsgestreift - der letzte modische Lauftrend! Jetzt ging es ununterbrochen in steilen Serpentinen bergauf bis zu 5000 Feet ( das Schild habe ich zwar nicht gesehen, aber so steht es geschrieben ). Schwarze Felsen auf der einen Seite, Abgrund auf der anderen. Die Müdigkeit kam und um 14:30 musste ich eine Kurzschlafpause einlegen. Heri sah mich ganz entsetzt an, als ich mein Schlafbedürfniss äußerte. Ich weiß, was er dachte. Jetzt schon wieder schlafen, das kann ja heiter werden: Wie wollen wir da ankommen? Aber, wenn der Kopf fast vom Körper fällt, wenn jeder Schritt Hinfallen bedeutet, dann helfen weder Cola noch Red Bull! Zehn Minuten Schlaf dagegen wirken Wunder. Es sind dann wirklich nur zehn Minuten; der aufs Ziel fixierte Körper ist dann wieder wach. Heri war natürlich auch sehr müde. War er doch schon die ganze Zeit ohne Pause im Einsatz, während Bodo sich ausreichend Erholung gönnte. Er konnte immer wieder einnicken, während Heri das Auto bewegte und mich versorgte. Heri wäre so gerne einmal etwas mit mir gelaufen schon um seine Müdigkeit zu vertreiben und um zu erfahren: wie läuft es sich bei diesen Temperaturen, denn er möchte den Badwater im nächsten Jahr selber laufen. Aber wer sollte das Auto fahren? Bodo? Das ging ja nicht! Es war mein Fehler, dass ich daran nicht gedacht hatte. Aber Heri hatte eine Idee! Er fuhr vor und schaute nach anderen Teilnehmern aus. Und da konnte ich trotz Schlafpause einen Mitläufer überholen. Ein kurzer Wortwechsel zwischen den Fahrern und wir hatten bis zur nächsten Zählstation einen amerikanischen Fahrer. Jetzt ging es leichter, Schritt für Schritt, mit Heri zusammen, immer vorwärts zur nächsten Zählstation bei 90 Meilen, die wir um 18:00 Uhr erreichten. Aber das dauerte und dauerte; trotz jetzt möglicher Unterhaltung wollten die 90 Meilen nicht näher kommen. Ich musste an Alfred denken. Alfred Gerauer war 2004 auch Finisher, obwohl er Panamint Springs erst um 18:00 Uhr verließ. Wie hatte er das nur schaffen können?
Eine wohlverdiente Pause unterm Sonnenschirm! Ich zog die Schuhe aus und besah meine Fußsohlen. Sie sahen nicht gut aus. Der Zeitnehmer fotografierte sie und sagte: „Für‘s Internet.“ Ich brauchte unbedingt ein Compeed für den Fußballen. Eigentlich bekomme ich selten Blasen. Aber beim Badwater ist eben alles anders. Die Schuhe musste ich locker schnüren, da immer Blockaden im Mittelfuß auftraten. Dadurch rutschte der Fuß im Schuh hin und her; Das Ergebnis: Blasen unter der Hornhaut. Und wie das wehtat. Aber was half es: immer weiter, vorwärts, wer ankommen will, muss auch mit Schwierigkeiten fertig werden. Die Fahrer der Begleitfahrzeuge hatten sich mittlerweile kennen gelernt; Sie überholten sich im Laufe des Rennens immer wieder, da ihre Läufer in nicht zu weiten Abständen von einander liefen. Sie halfen sich gegenseitig. Diese Hilfe erfuhr ich nun. Mein ausgestreckter Fuß war das Signal für eine Begleiterin, die sofort mit Ihrer Sanitasche ankam und oh Wunder meinen Fuß wortlos mit einem Compeed versah. Jetzt konnte es weitergehen. Nur noch 45 Meilen bis zur Finish Line! 45 Meilen sind ca. 72 km. Nur ein müder Läufer weiß, wie weit das noch ist. Bis Lone Pine nur 13 Meilen weniger. Wie sollte ich nur bis dahin kommen? Mit den müden und schmerzenden Füßen und den Schienenbeinen die ein bergab gehen nicht ertragen würden? Also, blieb nur Laufen und zwar so schnell wie möglich. Ich musste ins Laufen kommen und raus aus dem Ultraschleichschritt! Es sollte jetzt nur noch bergab gehen, jedenfalls bis Lone Pine und zwar ziemlich steil die ersten Kilometer. Das war meine Chance. Bergab kann ich immer gut laufen. Aber es tat ja so weh. Die Schienenbeine; der linke Fuß konnte nur noch über den Außenrist abrollen und damit wollte ich ankommen? Vor mir sah ich 2 Läufer, d.h. einen mit Begleitperson. Überhaupt, alleine schien nur ich zu laufen. Alle hatten einen Begleiter dabei. Natürlich wechselten sich diese ab. Aber immer einen neben oder vor mir? Das konnte mir auch nicht gefallen. Vor mir schon gar nicht! Ich brauche freie Sicht! Und immer hinter mir?, damit er jedes Hinken registriert?, nein, das auch nicht! Ich fing ganz langsam an, das Gefälle erhöhte meine Geschwindigkeit und siehe da, die beiden vor mir waren mit einem male schon weit hinter mir. Das machte Mut. In mir jubelte alles: ich kann, ich kann, ich kann wieder rennen! Alle Angst war vorbei. Die Füße taten weh, aber es war auszuhalten und ich kam voran. Die Sonne war noch nicht untergegangen, es lief sich angenehm in die beginnende Nacht und es sollte so weitergehen. Aber schlagartig überfiel mich die Müdigkeit. Egal wie gut es wäre weiterzulaufen…, ich musste schlafen. Schon im Einschlafen aß ich eine Ecke Schwarzbrot mit Brathering und trank ein Bier. War das ein schönes Gefühl, wohlig durchzog mich eine endlose Müdigkeit. Es werden jetzt alle an mir vorbei laufen, dachte ich noch…. Als ich aufwachte, war es fast dunkel. „Na ja,“ sagte Heri, „wie erwartet, man hat dich abgehängt. Aber die anderen werden auch noch schlafen müssen und außerdem holst du sie sowieso wieder ein, wenn es so weiter geht wie vorhin.“ Er glaubte an mich und staunte, dass ich doch laufen konnte! Und es ging noch viel besser! Günters Worte fielen mir ein: „Wer am Ende noch kann, der kann sehr viel gutmachen“ und so war es! Nach 30 Minuten hatte ich mir freie Sicht erlaufen. Fast 50 km ging es jetzt bergab und immer gerade aus. Nur gut, das es dunkel war und die endlose Strasse sich nur erahnen ließ. Die Sterne funkelten wie die Nacht zuvor. Es war warm, windstill und ganz ruhig. Die einzigen Autos waren unsere Begleitfahrzeuge. Weit vor mir sah ich rote Lichter. An die will ich heran laufen! Ob Bernhard dabei ist? Er war in Darwin ( 90 Meilen ) eine Stunde vor mir aufgebrochen. Ich wusste, auch er muss schlafen. Ganz weit vorne waren immer rote Lichter zu sehen. Das ist Lone Pine, dachte ich , und die Lichter noch weiter vorn am Berg, die gehören zu den Läufern, die bald am Ziel sind. Aber komisch ist es schon: Die roten Punkte bewegen sich ja gar nicht. Sie stehen immer am selben Fleck. Sind das wirklich die unseren? Aber wer sonst sollte sich nachts am Berg aufhalten? Am Morgen wurde mir bewusst, das die Bewegung auf diese Entfernung nicht sichtbar sein konnte. Ich lief und lief, immer schön gleichmäßig bergab. Es machte wirklich Spaß und Freude. Ab und zu war einer vor mir, aber nicht lange, mit Powersnail gesprochen: Sie wurden versäg!. Leider nur bis zur nächsten Müdigkeit. Und die kam unaufhaltsam. Also: Auto an den Straßenrand, Koffer raus, Beifahrersitz nach hinten geklappt, vorher Bodo geweckt und nach draußen gebeten, Sigrid ins Auto, Kopf nach hinten und 10 Minuten schlafen. Nein, keine Schuhe ausziehen! Es tut so weh beim Anziehen! Drei oder viermal ging es in dieser Nacht so zu. Trotzdem konnte ich meine Position halten. Alle Anderen waren ja ebenfalls müde. Die ersten Schritte nach so einer Pause waren mühevoll, aber es ging immer weiter, weiter dem Ziel entgegen. Doch was war da zu sehen? Heri hatte Recht. Das Auto am Wegesrand gehörte Bernhard. Zwei Füße ragten aus der Heckklappe, die Kühlboxen standen auf der Strasse und das Auto hieß Bernhard. Das war es dann, jetzt hatte ich ihn wieder eingefangen und er wusste nichts davon! So sollte es auch bis zum Ziel bleiben. Dieses gewünschte und doch unerwartete Überholmanöver weckte alle Lebensgeister in mir. Und dann schlief da noch Rainer Lösch am Wegesrand. Weiter ging es. Es war immer noch dunkel, die Strasse ging immer noch gerade aus, alle Sterne wie am Vortag und schon wieder müde. Alles von vorne. Der Vorgang war eingeübt. Ich werde munter und höre deutsche Sprache und sehe Rainer Lösch und Begleitung auf der anderen Straßenseite. Die Gelegenheit für mich, in Gesellschaft schnell voran zu kommen. Mit den Worten: „Nehmt mich mit“ war ich bei ihnen und ließ mich bis Lone Pine nicht abhängen. Lone Pine war zwar in Sichtweite aber es dauerte und dauerte bis wir endlich da waren. Für kurze Zeit wurde es ganz kalt, T-Shirt und Trainingsjacke wurden übergezogen. Bodo erwachte und lief jetzt vorneweg, aber nicht für mich und nicht mit mir, eben so für sich. Eigentlich sollte er ja betreuen, aber das hatte Heribert schon die ganze Nacht vollkommen und alleine übernommen. Die Stadt vor mir nahm verschiedene Gestalten an. Einmal sahen alle Häuser aus wie riesige Pilze, darauf teilten sich die Pilze und wurden kleine Hügel und dann waren es wirklich die Berge. Die Häuser zeigten sich erst nach dem wir rechts abgebogen waren. Immer noch 3 km bis zur Zeitnahme im Hotel
Ich war zufrieden; 5:45 am 13.07. zeigte die Uhr. Um 6:00 hatte ich hier sein wollen. Geschafft und Frühstückshunger. Der Abstecher für Kaffee und Ei dauerte 45 Minuten. In die Lokalität kam ein Badwater Fan. Hatte er mich gesehen? Die Ersten hatte er schon gesehen und war begeistert von unserer Leistung, so begeistert, dass er das Frühstück für uns drei bezahlte. Ich quälte mich mühsam in meine Schuhe. Die unbeschuhten Füße hatte die Kellnerin schon beanstandet, aber die Wirtschaft war nicht so vornehm, als das ich dort nicht schuhlos sitzen könnte. Jetzt waren es nur noch 13 Meilen bis zur Erfüllung aller Wünsche. Ich warf T-Shirt und Jacke ab und gab der leichten Bekleidung den Vortritt. Die Sonne war früh um 6:30 schon sehr warm und brannte unbarmherzig auf den Hinterkopf. Ich lief durch eine Traumlandschaft. Rauschender Bach an der einen Seite, Felsen in jeder Formation und Größe auf beiden Seiten der Asphaltstrasse, die sich unbarmherzig nach oben wand. Nur hier konnten die zahlreichen Wildwest - Filme gedreht worden sein. In weiter Ferne sah ich die Serpentinen, die ich zur Erfüllung meiner Wünsche noch nach oben steigen musste. Bodo stürmte mit freiem Oberkörper ohne Trinkflasche an mir vorbei. Er lief jetzt sein Rennen, zeigte mir, wie schnell man den Berg angehen konnte, aber - ich hatte mit Ihm nichts mehr zu tun. Seine Betreuertätigkeit war schon in der Nacht vorbei gewesen. Diesen letzten Spaß sollte er haben. Heri fuhr mit dem Auto vor. Stieg aus, gab mir zu Trinken…, stieg wieder ein, fuhr weiter.., immer wieder im Wechsel. Ich lief an Rainer Lösch und Begleiter vorbei, erstaunt, sie noch hierzu sehen. Ich dachte, die beiden hätten einen Riesenvorsprung herausgearbeitet. Aber wie das so ist, jeder braucht eine Erholungspause. In der Ergebnisliste sah ich später, dass ich ihm bergauf eine Stunde abgenommen hatte. Jedoch, Rainer war 2 Stunden später gestartet. Heri wäre jetzt gerne mit mir gestiegen, aber wer sollte unser Auto bewegen? Die Lösung kam von selbst. Ich traute meinen Augen nicht: vor mir bewegte sich ganz vorsichtig Karl-Heinz! Wie war das möglich? Er war immer weit vor mir unterwegs gewesen. Ihm ging es sehr schlecht. Magen, Füße, Kopf - alles war geschädigt. Seine Begleiter boten uns Fahrdienst an. Sie fuhren mit beiden Autos nach oben und kamen mit ihrem wieder zurück. Jetzt hatte ich einen unnachgiebigen Begleiter bis ins Ziel. Alle paar Schritte wurde mir die Trinkflasche gereicht. Verweigerte ich den Schluck, kam sie gleich darauf wieder. Aus dem Auto heraus wäre das nicht möglich gewesen. Einen Schluck trinken, ein paar Wassertropfen auf Kopf und Schulter.., so ging das 4 Stunden lang. Erst im Ziel erfuhr ich, dass mein Begleiter während dieser ganzen Zeit selber nichts getrunken hat. Nur mein Ankommen war für Ihn wichtig! Heribert, vielen, vielen Dank. Der Zubringer zur eigentlichen Steigung war lang. Schritt für Schritt, ich kann schnell steigen, habe es in Graubünden und Zermatt beweisen können und hatte das Gefühl, hier, auf dieser fast glatten Asphaltstrasse förmlich zu kleben - dabei, so sah es für mich aus, ging sie nach unten. „Dreh dich einmal um,“ sagte mein Begleiter, „dann weist du, warum es so mühsam ist“. Und es ging wirklich nur nach oben. Der Rückblick zeigte bergab! Ich wusste, dass Läufer vor mir waren, ich wähnte Bewegung auf der Serpentine, aber sehen konnte ich Nichts. Die flimmernde Luft lies das nicht zu und täuschte, so das Strasse bergauf aussah wie Strasse bergab. Die ersten wirklichen Bäume wuchsen Hier. Nadelbäume, wie das duftete. Rechts am Wege stand ein einmaliges Warnschild: Caution Bären! Hier gab es wirklich frei lebende Bären. Sie sind geschickte Autoknacker, wenn Verpflegung darin gewittert wird. Auf dem Withney Portal wird vor ihnen gewarnt. Endlich war ich auf der Serpentine. Jetzt ging alles viel schneller. Wir überholten ein Auto, Heri konnte dort Wassernachschub tanken und eine Läuferin arbeitete sich an mir vorbei. Egal! Noch eine Kurve, und noch eine.., wann ist das Ziel erreicht? „Noch 4 Kilometer,“ sagte mein Begleiter. Er hatte es von anderen gehört. Irgendwie wollte ich das nicht glauben. Bodo war wieder aufgetaucht; Er stand an einer Aussichtstafel, hatte sich zwei Trinkflaschen besorgen können und schloss sich uns an. Da bog ein Auto um die Kurve und heraus sprang Jürgen mit gezückter Kamera.“ Was, du bist schon hier, ich habe dich unten gesucht, wieso bist du so schnell?“ Jetzt musste ich aber wirklich lachen. Ich und schnell! „Du wolltest doch 60 Stunden brauchen,“ er konnte es nicht fassen. Foto von da und noch eines von der anderen Seite! „Jürgen, wie weit noch,“ rief ich, als er schon wieder davon rauschte. „Höchstens noch eine halbe Meile,“ konnte ich gerade noch hören. Was, schon fast am Ziel! Das gab neue Kräfte! Rechts um die Kurve, da stand mein Auto. Jawohl, es war meins! Sigrid Eichner war darauf zu lesen! Heri öffnete es, noch im Laufen zogen wir unsere Badwater T-Shirts an und dann waren wir da! Aber wo war denn nun die heißersehnte Finish-Line, wo war das Ziel? Ich konnte es nicht ausmachen, obwohl die Zeit gestoppt wurde. „Go to back,“ der Zieleinlauf wurde wiederholt, man hatte das Zielband vergessen, das für jeden Läufer neu gespannt wurde. Jetzt war ich wirklich da! Wir waren angekommen, nach 52 Stunden, 45 Minuten und 46 Sekunden. Zum Heulen blieb keine Zeit und die stille Freude - es geschafft zu haben - stellte sich erst später ein. Jetzt war erst recht Trubel. Foto hier und Foto dort, Umarmungen, Fragen des medizinischen Personals und warten auf meine Freunde. Würde Karl-Heinz rechtzeitig ankommen können. Er ging so mühsam. Und Bernhard, wann würde er wohl dasein? Wusste er, dass ich ihn in der Nacht überholt hatte? Natürlich nicht, wie sich später herausstellte. Sie kamen, kurz hintereinander, beide ins Ziel und wurden gebührend gefeiert.
Am Abend gab es Pizza und Ehrungen für alle. Auf der Strasse umarmten mich Unbekannte, Glückwünsche von allen Seiten, ein wunderbares Gefühl. Dass es etwas ganz Besonderes war diesen Lauf geschafft zu haben wurde mir langsam klar. Aber hatte ich ihn geschafft?, nein wir , zusammen, ohne Hilfe wäre das nicht möglich gewesen. Und auch Bodo war daran beteiligt, er konnte es nur nicht besser. Beim Bier am Abend erfuhr ich von Holger: „Ich hätte nicht geglaubt, dass du das Schaffen kannst,“ und Uli sagte: „Schaffen schon, aber nicht im Zeitlimit! und Bernhard haben wir das auch nicht zugetraut!“ Wie man sich doch täuschen kann. Darauf sind Bernhard und ich mächtig stolz! Am nächsten Tag ging es nach Las Vegas zurück. Wir hielten an den Zeitnahmestationen des Rennens und ich konnte mir nicht mehr vorstellen, dass ich das alles gerannt sein sollte. Diese Erfahrung mache ich übrigens immer wieder. Und doch ist es so gewesen! Überall trafen wir Läufer, die auf der Rückreise waren. Jeder gratulierte jedem und sagte: „Bis zum nächsten Mal.“ Wird es ein nächstes Mal geben können? Jetzt vier Wochen nach dem Lauf, denke ich, schon! Was könnte man alles anders und besser machen? Diese Reden und Diskussionen sind uns aber allen bekannt und nichts Neues. Jeder Lauf wird hinterher nach diesen Gesichtspunkten zerpflückt.
Wir verlebten noch drei schöne Tage in Las Vegas, hatten manchen Spaß miteinander und redeten natürlich immer wieder über den Badwater Ultra. Was hatte ich alles erlebt. Immer wieder fielen mir kleine Episoden ein. Und meine Füße taten immer noch so entsetzlich weh und tun es heute - fast vier Wochen danach - auch noch ( vier Marathons bin ich inzwischen mit ihnen gehumpelt ).
Es gibt Läufer, die haben dieses Rennen zweimal hintereinander d.h. in einem Wettkampf , absolviert. Das waren 2002 Eberhard Frixe und Uli Weber. Ihr Bild hängt in der Registration in Stovepipe Wells und Heribert will meines im nächsten Jahr dazu hängen, wenn er denn den Badwater laufen sollte. Und dann ist da noch Jack Dennes, heute 70, er war der älteste Teilnehmer - das 12. Mal in Folge - und soll dieses Rennen sogar dreimal hintereinander bewältigt haben. 2006 will er nicht mehr antreten, so sagte er mir.

Im kalten und nassen Deutschland wurde und werde ich wiederholt gefragt: Welcher Lauf ist schwerer? Der Grand Raid oder der Badwater Ultra? Meine Antwort: Ausprobieren!
Grand Raid auf steilen Gebirgspfaden mit Felsen, Steinen, Wurzeln, Absturzgefahr bei Unaufmerksamkeit, Regen und Matsch möglich, tropisches Klima, 8000 Höhenmeter, aber nur 140 Kilometer und ohne Betreuer mit zahlreichen Verpflegungsstellen. Der Läufer bestimmt alleine und ist ganz auf sich gestellt. Der Badwater Ultra auf glatter Asphaltstrasse ohne Baum und Schatten, trockene Hitze, niemals kalt, 4000 Höhenmeter, ist ohne fremde Hilfe nicht möglich, allerdings 217 Kilometer, Zeitlimit für beide : jeweils 60 Stunden!
Im - Spiridon 6 / 2005 - wird mir in einem Beitrag über mich mir in den Mund gelegt. „ich will die erste sein, die diesen Lauf in diesem Alter schafft!“ Abgesehen davon, dass ich das so nicht gesagt habe - keine Vorschußlorbeeren - bin ich jetzt wirklich die Älteste, die das bisher geschafft hat. Aber, das muss ja nicht so bleiben.

Meine Abschiedsworte für Chris Kostman, Race Direktor - am Ende der Veranstaltung:
- The most people death in the bed and not in the Death Valley -.

(Die meisten Leute sterben im Bett und nicht im Death Valley - Tal des Todes - ).