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Badwater Ultra: Der Hammer kommt zum Schluss

Bericht von Andrea und Ralf Armbrüster zum Badwater Ultra Marathon Lauf von Klaus Micka im Jahr 2005.

Es ist kurz vor sechs Uhr morgens. Nach einer kurzen Nacht im Motel in Furnace Creek und einer etwa halbstündigen Autofahrt erreichen wir den Startpunkt: Badwater. Nachdem die meisten Teams und Läufer ihre quasi obligatorischen Fotos am Badwater Schild aufgenommen haben, Getränke und andere Utensilien bereitgelegt haben, ertönt wenige Minuten vor dem Start, aus einem vom Rennleiter mitgebrachten Kassettenrecorder, die amerikanische Nationalhymne. Ein wenig Zeit zum Nachdenken und Durchatmen.

Kaum ist der letzte Ton verklungen, beginnt der Lauf. Unter dem Applaus der umstehenden Supporter und Mitarbeiter startet die erste Läuferstaffel, hinein ins Death Valley und in den für die meisten Teilnehmer härtesten Marathon ihres Lebens.

Klaus Micka, "unserem" Läufer, merkt man die Anspannung kaum an. Es ist eher das Team, das zu diesem Zeitpunkt kaum eine Ahnung hat, was auf es zukommen wird: Aloisia, Andrea und ich, und deshalb vor Anspannung kaum einen klaren Gedanken fassen kann. Wo war noch gleich die Kamera?

Der Start ist geschafft. Die Hitze derzeit noch erträglich. Über 35 Grad Celsius um 6 Uhr morgens. Dennoch: Ein großer Vorteil für die Läufer dieser ersten Gruppe ist der Schatten, der noch ein, zwei Stunden für ein angenehmes Klima sorgen wird. Und die Temperaturen, die noch kommen werden, stempeln die jetzige Temperatur zur kühlen Brise ab.

Klaus läuft viel zu schnell - unser erster Gedanke. Fast mit der Geschwindigkeit, die er einen normalen Marathon läuft, sagt Aloisia, seine Frau. Doch er ist derjenige, der die Erfahrung mitbringt. "Wüstenmarathons mag ich am meisten. Die Landschaft fasziniert mich, und ich laufe sehr gerne alleine" hatte er mir gesagt, als wir die Online-Bewerbungsbogen ein halbes Jahr zuvor ausgefüllt haben. Er ist derjenige, der die Erfahrung hat - wir sind noch nicht einmal aktive Sportler. Erfahrung in der Wüste? Fehlanzeige. Ahnung in der Betreuung von Ultrasportlern? Aloisia hat sich zeigen lassen, wie man die Beine massiert, Sehnen dehnt und Krämpfen vorbeugt. In unserem Hotel hatte sie uns eine Kurzeinweisung gegeben und das Nötigste gezeigt. Andrea hat vor Jahren Geräteturnen gemacht, aber Ultrasport war weit entfernt.

Natürlich haben wir uns vorbereitet: Ohne persönliche Erfahrung werden uns die Berichte von anderen Läufern, u.a. Bernhard Sesterheim als Supporter 2004, Robert Wimmer als Läufer 2004 sowie die Informationen auf der Badwater Website eine große Hilfe sein - hoffen wir zumindest. Ob's klappt, ob wir dabei haben, was wir brauchen, werden wir in den nächsten Tagen sehen.

Durchatmen nach dem Startschuss

Mit dem Startschuss fällt ein wenig die Anspannung ab, zumindest bei uns als Team - ein paar Fotos, den Start auf Video aufnehmen, dann erst einmal durchatmen. Wir stellen uns noch einmal ans Schild, ein Tourist macht ein Foto mit unserer Kamera. Dann räumen wir noch schnell ein wenig im Auto auf und fahren los. Nach ein bis zwei Kilometern haben wir das erste Treffen vereinbart. Klaus zieht seinen Wasserrucksack an und hat eine erste Versorgung mit einem Müsliriegel. Bevor er loslief hatte er noch ein halbes Sandwich gegessen.

Nach einer Weile finden wir uns gut zurecht. Klaus bekommt abwechselnd verschiedene isotonische Getränke, und gelegentlich einen Riegel zu essen. Nach knapp 9 Meilen macht er eine erste Pause von 7 Minuten. Aloisia massiert die Oberschenkel, Arme und Nacken. Klaus ist guter Laune und bestellt sich für in zwei Stunden ein Bier. Scherzkeks.

Noch bevor wir Furnace Creek erreichen, erreicht uns die Sonne. Der 6-Uhr-Schattenvorteil schwindet nun, die Temperaturen steigen kontinuierlich an. Um 9.41 Uhr passiert Klaus die erste Zeitmessstation. Bis dahin ist er mit etwa 7,4 km/h sehr schnell gewesen.

Klaus macht jetzt eine kurze Pause. Wir tanken unser Auto, checken im Hotel aus, kaufen Eis und Wasser nach. In Stovepipe Wells, die nächste Station mit Tankstelle, ist genau diese ausgefallen. Wir tanken also voll und rechnen aus, dass wir damit bis zur übernächsten Station auskommen müssten.

Klaus wechselt jetzt zu einem Langarm-T-Shirt und wir tauchen seine Mütze regelmäßig in eiskaltes Wasser, um den Kopf kühl zu halten. Gelegentlich trinkt er auch pures Wasser, um halb zwölf lässt er sich eine Salztablette geben und isst 2 Salzbrezelchen.

Bei Meile 24,4 macht er Pause, erhält eine Beinmassage, etwas Wasser. Wenig später wird im schlecht. Was er bis dahin nicht verstoffwechselt hat, kommt im Rückwärtsgang wieder raus. Wir kühlen ihn, messen die Körpertemperatur: 37,2° Celsius. An Überhitzung kann es somit nicht liegen. Auch der Kopf ist nicht überhitzt. Klaus läuft weiter, geht jetzt aber streckenweise. Bei Meile 28 legt sich Klaus in den Wagen und schläft sieben Minuten. Drei Meilen später ruht er sich erneut im Wagen aus, dieses Mal für fast eine halbe Stunde. Er rappelt sich anschließend wieder auf und läuft weiter. Knapp 1,5 Stunden später nimmt er noch einmal eine Salztablette, trinkt Cola und Wasser, um den Magen in den Griff zu bekommen. Vergebens. Er verliert zusehends an Kraft, das Gesicht sieht abgemagert und ausgetrocknet aus. Dazu kommt die Mittagshitze. Die Sonne brennt fast senkrecht auf den Boden, im Auto ist es kaum noch auszuhalten. Ist das das Ende des Rennens?

Staking out - ein Stock hilft weiter

In den Rennregeln gibt es einen Punkt, der sich "staking out" nennt. Wir hatten beim "Runners Check-In" eine Holzlatte bekommen, angespitzt, am Ende mit der Läufernummer. Staking out bedeutet: Wenn's nicht mehr geht, steckt man diese Latte an den Straßenrand, und kann dann die Rennroute verlassen. Später darf man an genau dieser Stelle wieder weiterlaufen. Die rettende Idee: Wir sind 7 Meilen von Stovepipe Wells, der nächsten Station, entfernt. Dort hat die Rennleitung einen Raum angemietet in dem sich auch das medizinische Team befindet. Wir laden Klaus ins Auto, positionieren die Holzlatte gut sichtbar am Straßenrand, und fahren vor zur Versorgungsstation.

Klaus hatte sich für eine medizinische Studie angemeldet. Für die Mediziner ist es gerade jetzt natürlich interessant, Blutwerte zu nehmen. Klaus kann sich eine Weile ausruhen, Wasser und Cola trinken und etwas abkühlen. Er schläft ein wenig. Von der Ärztin kommt grünes Licht: "Die Blutwerte sind ok. Von meiner Seite aus kannst Du weiterlaufen, wenn Du noch willst" sagt sie lächelnd.

"Wir holen den Stock raus, und ich laufe weiter"

Für Klaus keine Frage: Ok ist ok. "Wir fahren jetzt dorthin, machen den Stock raus, und dann laufe ich weiter" war seine Anweisung. Während wir uns fragten, ob er geistig zurechnungsfähig ist, war für ihn die Sache klar: Das Rennen geht weiter.

Wir fahren die sieben Meilen zurück, holen den Stock und Klaus läuft los. Er trifft auf einen Läufer, der später gestartet war, und ein Stück weit mit ihm läuft. Klaus findet wieder in seinen Rhythmus, kann wieder trinken und ist wieder guter Dinge. Um 10 Uhr abends erreichen wir Stovepipe Wells erneut. Wir kochen eine Portion Fertig-Spaghetti, Klaus trinkt eine Dose Red Bull und sein isotonisches Getränk, isst ein paar Löffel von den Nudeln. Dann will er weiter, die Nacht nutzen.

Ab jetzt geht es bergauf. Eine halbe Stunde später halten wir wieder an und machen eine Schlafpause. Klaus schläft 1,5 Stunden im Auto; wir auch. Dann geht es weiter. Der Anstieg zum Townes Pass geht 1500 Meter hoch, danach wieder runter. Es folgen 12 Meilen fast kerzengerade Strecke in der Ebene.

Nach unserer Pause, es ist jetzt Mitternacht, geht es weiter. Klaus läuft bis um halb vier, macht dann eine 5-Minuten-Pause. Um fünf vespert er erstmals wieder etwas von den inzwischen lau kalten Nudeln, kurz vor sieben reiben wir ihn mit Sonnencreme ein. Die Sonne geht auf, und die Bergspitzen glühen rot. Er ist die Nacht durch insgesamt 22 Meilen gelaufen und hat den Townes Pass sowie die 12-Meilen-Strecke danach bewältigt. Wir erreichen Panamint Springs am frühen Vormittag um 9:21 Uhr. 72,3 Meilen sind bis jetzt abgelaufen, gerade mal die Hälfte.

Klaus wechselt die Schuhe, versorgt zwei Blasen mit Pflaster. Wir machen 20 Minuten Pause und verlassen Panamint Springs frühzeitig, um eine möglichst große Strecke vor der Mittagshitze zurückzulegen.

Wir befinden uns jetzt in einem Nachbartal des Death Valley. Waren die Temperaturen im Death Valley nachmittags um die 48 Grad Celsius, so erwarten wir hier etwa 7-8 Grad weniger. Das jedenfalls hat mir ein anderer Supporter erzählt, mit dem ich mich nachts in Stovepipe Wells unterhalten hatte. Ich hätte nicht gedacht, dass das Finishen derart zum Gemeinschaftsziel werde könnte. Man verabschiedet sich nicht einfach, sondern wünscht sich viel Glück in einer Stimmung, die keinen daran zweifeln lässt, dass man es ehrlich meint.

Um 16 Uhr 20 erreichen wir die nächste Zeitmessstation. Ein Kunststoffpavillon, der dieses Mal auf freier Strecke steht. Klaus erneuert seinen Sonnenschutz und schläft wenig später noch einmal für fünf Minuten im Auto. Wir müssen uns überwinden, ihn zu wecken, gönnen ihm eigentlich eine längere Pause und würden ihn auch länger schlafen lassen. Aber einen Gefallen würden wir ihm damit nicht tun, denn er muss wieder auf die Beine kommen. Also wecken wir ihn, und ohne zu murren steht er auf und läuft weiter. So kurze 5 Minuten habe er selten erlebt, beklagt er sich. Nicht aber uns gegenüber, sondern einfach, weil die Zeit so schnell umgeht.

Um 18 Uhr 45 wage ich eine erste Prognose. Die Laufgeschwindigkeit der letzten 10 Stunden rechne ich hoch, für den Anstieg auf den Mount Whitney kalkuliere ich seine halbe Geschwindigkeit. 10 Pausen zu je sechs Minuten und 2 Stunden Extra-Schlaf rechne ich hinzu: Dann müsste er mit 53 Stunden finishen, falls alles glatt geht. Wir haben also ausreichend Zeit, auch für eventuelle Zwischenfälle.

Um halb neun wechselt er noch einmal die Schuhe, eine Stunde später legt er eine halbstündige Pause ein.  Um 23 Uhr eine erneute Schlafpause bis 0:05. Von meinen kalkulierten 2 Stunden Extra-Schlaf sind jetzt 1,5 verbraucht. Auf die 5-Minuten-Pausen verzichtet er allerdings.

Nach 122 Meilen erreichen wir früh morgens Lone Pine. Es ist 4 Uhr 28, als Klaus die dortige Zeitmessstation passiert. Klaus rechnet noch mit 5 Meilen bis zum Ziel, aber ein Franzose, den er hier trifft, belehrt ihn eines besseren: Noch knapp 13 Meilen den Berg hoch, dabei sind 1550 Höhenmeter zu überwinden.

Diesen letzten Abschnitt gehen die meisten Läufer, an Laufen ist nicht zu denken. Autos, die uns entgegenkommen, riechen nach heiß gelaufenen Bremsen. Klaus nimmt den Mount Whitney in Angriff. Ob er sich ausruhen möchte? "Jetzt mache ich durch bis zum Ziel" ist seine Antwort.

Immer wieder wandert der Blick hoch zum Gipfel. Wie weit mag es noch sein? Meile für Meile wird die Anstrengung größer, aber Klaus lässt sich vom Ziel nicht mehr abhalten. Schritt für Schritt kämpft er sich die steile Strecke hoch. Wir fahren nur noch im Meilenabstand voraus und warten dann, bis Klaus unser Auto erreicht. Als wir nach Stunden einige Serpentinen erreichen, haben wir keine Ahnung, wie weit es noch sein könnte. Autos, die hochfahren, verschwinden einfach hinter der nächsten Kurve.

Wir erreichen das letzte Streckenstück. Die Strecke geht jetzt durch einen Wald, an Stellplätzen für Wohnmobile vorbei. Ein Schild weist uns darauf hin, dass wir hier Bären begegnen könnten und keine Lebensmittel offen liegen lassen sollen. Schöne Aussichten.

Eine halbe Stunde später ist das Ziel in Sicht. Jetzt gehen wir die letzten hundert Meter gemeinsam zum Ziel. Überglücklich und trotz allem recht munter, durchläuft Klaus die Ziellinie. Die Zeit: 51 Stunden, 14 Minuten und 59 Sekunden. "Dieses letzte Stück war der Hammer", sagt uns Klaus später. Aber sein Wille hat gesiegt.

Herzlichen Glückwunsch!