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Badwater – ich bin am "Ziel" meiner Träume!

Ein Laufbericht von Christine Sell

 

Nur noch wenige Minuten bis zum Start, ich bin nervös, mein Magen spielt verrückt. 135 Meilen/216 Kilometer nonstop durch das Death Valley, von 86 m unter Meeresniveau hier am Start im Badwater Bassin bis auf 2500m im Ziel am Mount Whitney Portal, Temperaturen bis über 50°C im Schatten. Was hat mich hierher getrieben?

 

81 Läufer und Läuferinnen aus aller Welt gehen an den Start, in 3 verschiedenen Startgruppen: 6 Uhr, 8 Uhr und 10 Uhr, ausgewählt von einer Kommission, die die Qualifikationen überprüfen, aber auch sicherstellen wollen, dass nicht nur „Profis“ am Start sind. Der Altersdurchschnitt beträgt 47 Jahre, die jüngste ist 28, der älteste Teilnehmer 70 Jahre alt, er nimmt zum 10. Mal an dieser Veranstaltung teil.

 

7.30 Uhr. Ich bin in der 2. Startgruppe um 8 Uhr. Der Start liegt im Schatten. Das Wasser im Badwater Bassin stinkt, mir ist übel, ich konnte nichts frühstücken.

Bilder machen, Startnummer umbinden, Mütze auf den Kopf. Sitzt der Schuh? Nochmal binden, nochmal auf‘s Klo, was mach ich eigentlich hier? Aufregungen wie vor jedem „normalen“ Wettkampf.

Und doch wieder nicht: was wird mich erwarten auf über 216 Kilometern? Werde ich es schaffen? Die Ausfallquoten sind hoch. Wie werden „meine“ zwei Supporter, Edgar Kluge und Jörg deVries mich versorgen? Wie wird das zweite Team, mein Freund Rainer Lösch mit seinen Supportern Christian Sell und Roland Kuprat, durchhalten?

Fragen über Fragen. Doch eigentlich weiß ich: lass alles auf dich zukommen, es wird schon irgendwie werden, solche Strecken werden mit dem Kopf gelaufen!

 

8 Uhr. Startschuss, super pünktlich, beinahe hätte ich den Start verpasst, war zum xten Mal auf der Toilette. Die ersten 20mi/32km müssen die Läufer alleine zurücklegen, ohne Pacer. Die Supporter fahren vor, warten, versorgen, kühlen, feuern an, fahren wieder vor.

Die ersten 10mi/16km sind mühsam, ich finde wie immer am Anfang keinen Rhythmus. Mir ist es deutlich zu warm, der Wind ist heiß, trocknet völlig aus.

Dann habe ich mich endlich eingelaufen, alles geht locker, ich akzeptiere die Hitze, das Team Supporter-Läufer funktioniert perfekt: nasse Tücher umhängen, Beine einsprühen, Kopf nass, trinken, trinken, trinken…

Eine erste Pause bei Furnace Creek (welch ein bezeichnender Name „Furnace – Hochofen“), dort ist auch die erste Zeitnahme nach 20mi/32km: umziehen, im Schatten sitzen, essen.

 

Ab Furnace Creek dürfen die Supporter pacen, Jörg läuft als erster mit. Ewig lange Geraden, die Sonne brennt, der Asphalt kocht, gleichförmige, wunderschöne Wüstenlandschaft. Langsam kommt der Towns Pass, die erste lange Steigung in Sicht.

Es wird Abend, ich liege gut in meinem Zeitplan. Vor dem Pass noch einmal eine größere Pause: Stove Pipe Wells, eine kleine Oase: duschen in voller Montur, ab in den brühwarmen Pool. Trotz der Wassertemperaturen von ca. 37°C kühle ich dort ab! Dann essen, Blasen versorgen.

 

Nach Sonnenuntergang geht es weiter: den Towns Pass hoch, ab jetzt läuft Edgar mit, Jörg fährt (nach 6 Stunden Laufen in der Hitze) das Auto weiter, versorgt und motiviert uns.

Die Temperaturen sinken nur unwesentlich, aber die brennende Hitze ist erst einmal weg.

Ich gehe den Towns Pass hoch, 1500 Höhenmeter in ca. 18mi/30km, über mir ein klarer Sternenhimmel, man kann die Milchstraße sehen, fast bekomme ich eine Genickstarre: immer wieder Sternschnuppen, ganz hell und deutlich.

Die Stille begleitet uns, nur ab und zu ein Geräusch: eine Wüstenmaus, Schlangen, im Licht der Stirnlampen grün leuchtende Augenpaare....

 

Endlich komme ich oben an: eine kurze Rast auf der Liege, Edgar kocht Wasser für Bouillon und Tee. Ich nicke blitzartig ein!

Unser Zeitplan ist perfekt, ich will bis zum frühen Morgen über den Pass, durch das Panamint Valley bis nach Panamint Springs, etwas über die Hälfte der Strecke. Dort wartet ein Zimmer für ein paar Stunden Schlaf auf uns.

Doch jetzt weiter, den langen Weg nach unten ins Panamint Valley endlich wieder Laufen. Die 12mi/20km abwärts sind doch steiler, als ich dachte.

Bald fällt Edgar und mir auf: wo bleibt Jörg mit unserem Versorgungsfahrzeug?

Er kommt endlich, über 20 Minuten später, hatte Probleme mit dem Anlasser.

Er versorgt uns mit Getränken, wir laufen weiter.

Schon von oben sieht man die Lichter auf der schnurgeraden Straße: Läufer, Supporter, Autos, und weiter hinten, schon wieder halb auf dem nächsten Pass: Panamint Springs.

Es scheint nicht mehr weit!

Und wieder fehlt Jörg mit dem Wagen. Wir bekommen von der begleitenden Journalistin die Nachricht: das Auto springt nicht mehr an!

Die Hölle beginnt für mich, ohne Versorgungsfahrzeug bin ich aus dem Rennen raus.

Doch wir improvisieren: einige der wichtigsten Dinge werden in das Auto der Journalistin umgeladen, es kann für‘s Erste weitergehen...

 

Im Tal angekommen, weitet sich die Strecke.....ich gehe und laufe im Wechsel, bin müde.

Dann raffe ich mich noch einmal auf und laufe los, Edgar und ich im gleichen Rhythmus. Er ist mittlerweile fast 10 Stunden ununterbrochen mit auf der Strecke.

Die Augen oft geschlossen, torkeln wir mehr, als das wir laufen. Und immer wieder ist das Licht der Oase zum Greifen nahe, um gleich darauf wieder zu verschwinden.....

5.21 Uhr: Endlich! Ich falle vor Erschöpfung gleich ins Bett, Sorgen um das Auto werde ich mir später machen.

8 Uhr: Schüttelfrost hat mich oft geweckt, ich bin wie gerädert, der Kopf brummt wie nach einer durchzechten Nacht. Die paar Stunden Schlaf waren anstrengend.

Wir hatten im Vorfeld nur ein Zimmer für beide Läuferteams gebucht, in der Hoffnung, dass wir unterschiedlich ankommen. Aber wir waren fast gleichzeitig da, 6 Leute im Zimmer, Roland ist lieber im Auto geblieben. Jetzt gibt es etwas Stress, jeder ist angespannt, müde, aber wir reißen uns zusammen, wollen keinen Streit. Wir haben auf der Strecke mitbekommen, dass es in einigen Teams Ärger gab.

Jörg wird zu unserem Auto gefahren, um es flott zu machen......

Von anderen Begleitfahrzeugen bekommt er ein Starterkabel mit auf den Weg.

Plötzlich steigt Panik in mir auf: das Auto steht oben auf dem Pass, mit all unseren Sachen, hoffentlich springt es wieder an. Ohne Wagen geht gar nichts. Und wie lange werden wir warten müssen? Edgar und ich gehen erst einmal frühstücken, Kaffee und Toast, sonst kriege ich nichts runter.

Und dann ist es wieder da, unser Auto, es fährt wieder.....es kann weitergehen.

 

Mittlerweile ist es 10 Uhr, es geht über den nächsten Pass bis zum Darwin Turn Off. Vulkangestein links und rechts, unbarmherzig brennt die Sonne.

Trotz hohem Sonnenschutz, nassen langen Tüchern um die Beine, sind die Beine übersät von Quaddeln, heiß und stark angeschwollen. Es geht keine Massage mehr, die Haut ist hochgradig empfindlich.

 

Ich gehe hoch, mehr ein schleppen, viele Pausen. Kein Blick zurück auf die grandiose Aussicht ins Panamint Valley, kein Blick nach vorne, eine schnurgeraden Strecke vor mir. Auf einmal ohrenbetäubender Lärm: 2 Tiefflieger über der Straße, drehen die Flügel nach rechts und links, grüßen uns Läufer auf ihre Art.

 

Jörg und Edgar begleiten mich jetzt im Wechsel von ca. 2 Stunden, um ihre Kräfte zu schonen. Sie kühlen, versorgen und motivieren mich. Ich muss weiter hoch, wieder auf 1500 Meter, eigentlich nur 18mi/ 29km vom Hotel aus. Doch erst nach 10 Stunden komme ich oben an, falle gleich auf den Liegestuhl, zittere wie verrückt, eingewickelt in den Schlafsack, schlafe ich sofort für eine Stunde ein. Ich wache wieder auf: Edgar und Jörg sorgen sich, ich höre es an ihren Stimmen und spüre es deutlich.

Doch ich will weiter: etwas essen, obwohl mein Magen seit dem Start dicht gemacht hat, trinken, weiter. Ich fühle mich etwas erholt. Die Nacht bricht herein, wieder dieser Sternenhimmel, eine kleine Schlange auf der Straße, zum Glück sehe ich keine Taranteln....

 

Nach weiteren 2 Stunden ist die Luft raus, ich torkele über die Straße, die Jungs beschließen: 4 Stunden schlafen, dann sehen wir weiter. Ein Blick auf meine Uhr: ok, ist drin, dann aber muß es weitergehen, sonst schaffe ich es nicht mehr in der Sollzeit.

2.30 Uhr, ich wache fast erholt auf. Mittlerweile ist es Mittwoch, der Start liegt schon 43 Stunden zurück.

Die Nacht ist wunderschön, die Temperaturen endlich etwas unter 40°C. Ich weiß, ich werde es schaffen,  es ist nicht mehr weit, nur noch durch das dritte Tal und die letzten 15mi/22km den Mt. Whitney hoch, insgesamt vielleicht noch 70 Kilometer.....

Davon 12mi/19km nur geradeaus, ein Härtetest für’s Gemüt. Aber mit dem Ziel vor Augen eine relativ einfache Strecke.

Wahrscheinlich bin ich die Letzte auf der Strecke, durch den Dienstag habe ich viel Zeit „verloren“. Aber ich will es lieber nicht wissen.....

 

Langsam geht die Sonne auf, die Sierra Nevada mit ihrem höchsten Gipfel, den Mt. Whitney mit 4600 m, wird in ein wunderschönes Licht getaucht.....ich sehe das Ziel schon 50 Kilometer vorher......

11.45 Uhr, endlich in Lone Pine, direkt unter dem Mt. Whitney. Die letzten und wahrscheinlich härtesten 15mi/22km liegen vor mir.

Noch einmal eine letzte Rast im Schatten eines Baumes an einer Tankstelle: Apfelsaftschorle, alkoholfreies Bier, ein Biss in ein Sandwich, mehr schaffe ich nicht.

Weiter in der Mittagshitze, die Sonne knallt wieder unbarmherzig.

Die ersten 4 Meilen bergauf sind relativ locker, dann wieder Probleme mit dem Kreislauf: ich setze mich kurz ans Auto, kippe nach hinten um.

 

Doch ich muss weiter! Autos fahren an uns vorbei mit glücklichen Finishern, ich werde angespornt, Jörg und Edgar begleiten mich beide, die Journalistin fährt unser Auto. Sie wechseln sich ab, texten mich zu. Meine Antworten sind kurz, die Höhe macht sich bemerkbar. Ich schaue nur noch auf den Boden, will nicht wissen, wie viele Meter es noch sind. Hupende Autos, fremde Menschen, die meinen Namen rufen.

Die letzten Meter die Serpentinen hoch: dort ist das Ziel, ich kann es endlich sehen:

Hand in Hand laufen Jörg und Edgar mit mir nach 57 Std. ins Ziel!

Ich bin glücklich. Und doch wieder nicht: ich brauche eine Minute für mich, heule los, die Anspannung fällt von mir ab. Glückwünsche von allen Seiten, viele haben Tränen in den Augen.

Dann Fotos mit Chris Kostmann, dem Organisator der Veranstaltung, er umarmt mich, hängt mir die Medaille um.

Unser Läuferteam mit Rainer und seinen Supportern Christian und Roland, ist schon seit über 5 Stunden im Ziel. Sie haben mir den Liegestuhl bereitgestellt. Dort liege ich, eingemummelt in einen Schlafsack, zitternd vor Erschöpfung. Wir stoßen mit einem Bier auf unseren Erfolg an......

Auf die Frage der Journalistin, ob ich das noch einmal machen werde:

„Wahrscheinlich nie wieder“......

Also auf zum nächsten Mal durch die „Hölle“ des Death Valley ;o)

 

 

 

 

 

 

Badwater Ultra:

135 Meilen-Lauf in Californien/USA

 

Start: 86m unter Meeresniveau im Death Valley

Ziel: 2500m

Höhenmeter insgesamt: 3900m

Zielzeit: 60 Stunden

Klima: Wüste

Temperaturen: bis 54°C im Schatten

Rekord: 2005: 1. Scott Jurek 24:36:08 h

                        1. Frau: Pam Reed 30:29:55 h

Pflicht:

ein Begleitfahrzeug und 2 Supporter, um die Versorgung sicherzustellen

Qualifikation:

3mal Ultramarathon über 50mi oder 100km oder 3mal Ironman o.ä.

 

weitere Infos/Bewerbung: www.badwaterultra.com